Landwirtschaft und Industrie in Bodelschwingh

Wie es im Leben so geht: Meine Frau geht öfter auf einen Trödelmarkt, kauft dann so „dies und das“, meist mehr für Familie und Freunde als für sich selbst. Sie weiß, dass ich gern (und viel) lese und mich in unserem Heimatverein Bodelschwingh und Westerfilde mit den „alten Zeiten“ beschäftige. So brachte sie mir ein Buch mit, das mich  allein schon vom Gewicht her beeindruckte: Es war die

Chronik des Ruhrgebiets

und darin auf der Seite 380 dieses Bild, das ich dann auch in Kleinform auf der vorderen Umschlagseite in der Bilderkollage entdeckte:

Foto von 1928: Zeche Westhausen aus der Sicht der Straße Wachteloh,  in Dortmund-Bodelschwingh“ , veröffentlicht in der Chronik des Ruhrgebiets des Chronik Verlages, WAZ Buch, Herausgeber Bodo Harenberg, 1987, Seite 380.

Das Foto (s/w) hat den Kontrast von Landwirtschaft und Bergbau zum Thema. Im Vordergrund die geernteten Korngarben, im Hintergrund, fast die ganze Breite des Fotos füllend, die Tagesanlagen der Zeche. Dazwischen, als Verbindung, die helle Giebelseite eines Wohnhauses an der Bermesdicker  Straße Nr. 5. Zu diesem und zwei weiteren Bildern folgt hier der Text aus dem o. a. Buch:

1928. Im Berliner Albertus-Verlag erscheint die Foto-Dokumentation >>Der Gigant an der Ruhr<<, die in eindrucksvollen  Momentaufnahmen ein zeitgenössisches Bild des Ruhrreviers, seiner Städte und Landschaften, seiner Menschen und ihrer Arbeit vermittelt.

>Es ist eine Kulturlandschaft von seltsamem Ausdruck. In Abwechslung ziehen die Werke der Hütten und Zechen an uns vorüber, mit ihren schwarzen Bergehalden, überragt von den Türmen der Fördergerüste und von qualmenden Schloten, an denen lange Rauchfahnen hängen. Dazwischen die Siedlungen, kleine Ortschaften und große Städte mit dunklen Häusern und Scharen von Arbeitern. Und hier und da, von allen Seiten schon eingeengt, Felder und Wiesen mit verstreuten Bäumen, die nicht mehr recht wachsen wollen und aus denen ein Bauernhof wie in eine fremde Welt schaut.<

Mit diesen Worten bereitet der Essener Historiker Hans Spethmann den Leser auf die Eindrücke vor, die ihn von 300 Fotografien erwarten. Es ist eine seltsam ferne, entrückte Welt, in die das Buch den Betrachter führt. Etwas düsteres, schwermütiges lastet auf allen Bildern, eine Faszination, der sich der Leser nur schwer entziehen kann.

Das Foto sprach mich sofort an nach dem Motto: Das ist doch, … ja sicher, das ist die Zeche Westhausen. Bei der Betrachtung des Bildes und dem Vergleich der Zechen-Gebäude und Wohnhäuser dachte ich spontan an das Buch „Wie unser Ruhrgebiet wurde“ von Hans Spethmann und an das Bild auf dessen vorderer Umschlagseite, vor allem an die Ähnlichkeiten mit dem obigen Foto. Dazu möchte ich mitteilen:

Im Jahr 1936 erschien im Verlag für Sozialpolitik, Wirtschaft und Statistik Paul Schmidt / Berlin das Buch „Wie unser Ruhrgebiet wurde“ von Dr. Hans Spethmann in Essen. Dieses Buch ist vom Verfasser vermutlich mit dem Blick auf weite Bevölkerungskreise herausgegeben worden. Die Schreibweise und die Sicht auf Gegenwart und Vergangenheit hat sich bei bei dem Verfasser seit 1928 verändert, ist jetzt dem Zeitgeist angepasst. Dies wird schon im Vorwort deutlich und zieht sich dann wie ein roter Faden durch das ganze Buch.

Das Bild für den Einband hat Otto (Egon?) Jantke, Berlin gemalt, ein Aquarell. Als Vorlage diente wahrscheinlich das obige Foto. Sein Bild zitiert Elemente des Fotos, kopiert es aber nicht. So wird die Staffelung von Kornfeld, Wohnhaus mit Güterwagen und den Tagesanlagen der Zeche von drei auf zwei Ebenen reduziert und durch die Farben „Korn-gelb mit Lichtschatten“ im Vordergrund und „Blau-Töne“ im Hintergrund klar getrennt. Wesentliche Bildelemente hat der Künstler übernommen, einiges weggelassen und anderes ergänzend hinzu gefügt. Auffällig ist dabei die vergrößerte Anzahl der Schornsteine (4) mit den Rauchfahnen, die dem Bild Struktur und Dynamik geben. Das Fördergerüst über dem Schacht 3 wirkt stark verfremdet, war auf dem Foto aber auch kaum erkennbar.

Zu dem Bildband habe ich auch eine persönliche Bemerkung:

Dieses Buch stand während meiner Vorschul- und Jugendzeit als eines von wenigen Büchern im Wohnzimmerschrank meiner Eltern. Die Schrifttype (Fraktur) konnte ich nicht lesen, doch sagen Bilder  oft mehr als Worte.  Auch wegen des Bildes auf dem Einband war es bei mir beliebt. Wie es so geht: Die älteren Brüder hatten das Buch „durch“, der jüngste Bruder fand es wegen der politischen Einstellung des Verfassers nicht gut; irgendwann war es dann „weg“. Nachdem mein Vater verstorben war, hatte ich seinen Hausstand aufzulösen. Dabei fiel mir die Frage ein: „Wo ist denn das Buch mit dem Kornfeld und der Zeche geblieben?“ Meine Geschwister wussten es nicht und ich hatte mich damit abzufinden. Es war weg, bis ich vor einigen Jahren auf einem Trödelmarkt ein gut erhaltenes Exemplar fand und für viel Geld kaufte. Den Kaufpreis habe ich vergessen; die Freude es wieder zu besitzen ist geblieben.

Im Sinn der Entdeckerfreude wünsche ich den Leser*innen und Freund*innen des „Heimatverein-Bodelschwingh-Westerfil.de“ alles Gute.

Ihr Otto Schmidt

PS.: Vieleicht träumen Sie jetzt davon, etwas wieder zu entdecken? Dann machen sie sich auf den Weg, Ihre Zeit und Stunde ist gekommen!

 

 

Erinnerungen an das Kriegsende (23)

Anhang

Tafel für die Zeit des Kriegsendes 1943 – 1945

1943 Erster großer Luftangriff auf Dortmund. Die Freigrafenschule in Bodelschwingh wird beschädigt. Eisenbahn-Flugabwehr-Kanonen feuern aus der Stellung in der Nähe vom Güterbahnhof Bodelschwingh.

1943 ab Juni: Kein Unterricht mehr in der Schule. Die Schulkinder werden wegen der vielen Luftangriffe in noch nicht gefährdete Gebiete untergebracht (Kinderlandverschickung / Evakuierung).

1943 Auf der Zeche Westhausen arbeiten Über- und Untertage Russen, Polen, Belgier und Franzosen als Kriegsgefangene, Fremdarbeiter oder Zwangsarbeiter. 1943 betrug ihre Zahl 1136.

1943 Der Tauftisch der Bildhauerin von Berge und Berrendorf wird in der ev. Kirche in Bodelschwingh aufgestellt.

1943 Baubeginn des Kraftwerks Knepper auf dem Gelände der Schachtanlage Gustav in Brüninghausen; Unterbrechung des Vorhabens von 1943 bis 1948.

1944 Am 21.11. Bombardierung der Ortsteile Mengede Bodelschwingh, Westerfilde mit Sprengbomben.

1945, 07. März.:

Um 12:10 Uhr Bombenangriff auf Westerfilde. Der Angriff wird von englischen und amerikanischen Bombern ausgeführt. In Westerfilde werden Straßen total oder schwer beschädigt. Die Ringstraße und die linke Seite der Emilstraße sind am stärksten betroffen. Die Förderung auf der Zeche Westhausen wird eingestellt. Die Bergleute leisten der Bevölkerung Hilfe. Wasser- , Strom-, und Gasversorgung sind unterbrochen. Bei dem Bombenangriff werden viele Menschen getötet. Die genaue Zahl ist nicht bekannt. Die Opfer sind auf drei Friedhöfen in Bodelschwingh und Westerfilde bestattet. Bei dem Angriff wird ein amerikanischer Bomber abgeschossen. Ein „Klüngelkerl“ aus Nette hat ihn zerkleinert und abtransportiert. Das Freibad an der Westerfilder Straße und das gegenüber liegende Kriegerdenkmal fallen den Bomben zum Opfer. Die Hans Schemm Schule, die auf Fließsand gebaut worden war, fällt in sich zusammen.

1945, 07.: April Einmarsch amerikanischer Truppen in Bodelschwingh und Westerfilde.

 

2020: Der Heimatverein Bodelschwingh und Westerfilde bedankt sich ganz herzlich bei den Lesern, die die Beiträge „Erinnerungen an das Kriegsende“ gelesen haben.

Wir hoffen, das durch unsere Veröffentlichung die Schrecken und Leiden des Zweiten Weltkrieges nicht vergessen werden und wollen damit auch einen Beitrag zum Frieden leisten.

 

 

Erinnerungen an das Kriegsende (22)

Die Kriegsgräber auf unseren Friedhöfen in Bodelschwingh und Westerfilde.

Wir gedenken der Bombenopfer des Zweiten Weltkrieges.

Wer sich über die Namen der Toten informieren möchte, kann die Datei mit den Listen der  Opfer durch einen Klick auf den unten stehenden Link aufrufen.

                   20_Gedenken_Opfer_Weltkrieg2

 

 

Erinnerungen an das Kriegsende (21)

Erinnerungen aus der evangelischen Kirchengemeinde Bodelschwingh, zusammengestellt von Barbara Gerstein.

Nach 1933:

Die evangelische Gemeinde Bodelschwingh mit Pastor Rudolf Brink (in Bodelschwingh von 1929 bis 1964) wandte sich der bekennenden Kirche zu, die dem Nationalsozialismus kritisch gegenüber stand. Die Gestapo bestellte Pastor Brink und Elisabeth Freiin zu Innhausen und Knyphausen zum Verhör.

1941:

Mittel, die dem Presbyterium zur Verfügung standen, sollten für Kriegszwecke abgegeben werden. Sie konnten aber noch rechtzeitig für eine Runderneuerung der Orgel genutzt werden.

1943:

Pastor Brink wurde zum Wehrdienst eingezogen. 1947 kehrte er aus der Kriegsgefangenschaft heim. Das Gemeindeleben wurde aufrecht erhalten, so gut es ging. So führte Frau Brink für ihren Mann die Vorbereitung der Jugendlichen auf die Konfirmation weiter; die Pastoren Stratmann, Nebe und Köhler halfen aus bei den seelsorglichen Aufgaben.

1944:

Infolge der Kriegseinwirkungen wird der Kindergarten geschlossen.

Ein Bericht aus dem Alltag während der Kriegszeit:

Ich wollte doch was von denen.

Während des Krieges war in dem inzwischen abgebrochenen evangelischen Gemeindehaus die Bezugschein-Stelle. Mein damals elfjähriger Bruder Friedhelm (Drees) musste wegen der Beantragung eines Bezugscheines dorthin und grüßte wie üblich mit „Guten Morgen“. Nach diesem Gruß wurde er hinausgeschickt, mit der Bemerkung, ob er nicht wüsste, dass man ordentlich zu grüßen habe. Er ging hinaus und ging wieder hinein und grüßte besonders freundlich mit „Guten Tag“. Er wurde wieder hinausgeschickt mit dem Bemerken, er möge beim Eintritt mit „Heil Hitler“ grüßen. Das hat er dann auch getan und dann seinen Antrag erledigt. Zu Hause erzählte er den Vorfall. Seine Mutter fragte ihn, warum er nicht nach Hause gekommen wäre. Dann wäre sie mit ihm zur Bezug­schein-Stelle gegangen und hätte auch mit „Guten Tag“ gegrüßt. Die Antwort von Friedhelm war: „Ja, ich wollte doch was von denen.“

Das Grüßen von Uniformierten hatte ausschließlich mit „Heil Hitler“ zu erfolgen. Beim Einmarsch der Amerikaner und Engländer, der nach mehrtägigem Artilleriebeschuss erfolgte, wurde Haus um Haus von den vorrückenden Truppen durchkämmt. Die Haustür von Narath war abgeschlossen. Als die Soldaten dort an der Tür rappelten, eilte Wilhelm Narath nach vorn und öffnete sie. Vor ihm stand ein Uniformierter. Wilhelm Narath grüßte: „Heil Hitler Herr Amerikaner, kommen Sie herein.“ „Oh, Du Nazi“, sagte der Amerikaner und wollte ihn gefangen nehmen.

Narath hatte sich schnellstens entfernt und auf dem Heuboden versteckt. Tagelang kamen die Besatzungssoldaten noch, um den „Mann mit der Brille“ zu suchen.

Entnommen aus dem Artikel „Erinnerungen aus der Zeit nach 1933“ in der Jubiläumsschrift „675 Jahre Kirche in Bodelschwingh“ von 1997, der Zeittafel der REVAG (Revierarbeitsgemeinschaft für kulturelle Bergmanns­Betreuung) und der Chronik „Kriegsjahre im Stadtbezirk Mengede“.

 

 

Die Bergmannssprache (10)

und die Sprache der Bergleute

Hinweis: Mit diesem Beitrag endet die Serie von 10 Beiträgen, die wir seit Anfang Juli veröffentlicht haben. Die vorhergehenden Beiträge können unter der Rubrik „Geschichtliches, Dies und Das“  aufgerufen werden. Für Ihr/Euer Interesse an der Artikel-Serie sage ich für den Heimatverein-Bodelschwingh-Westerfilde und für mich ganz herzlichen Dank.

Unsere Hoffnung auf ein Ende der Corona_Pandemie hat sich bis jetzt leider nicht erfüllt. Deshalb: Bleibt stark, wachsam, geduldig und gesund! Herzlichst Ihr/Euer Otto Schmidt.

Ein persönliche Vorbemerkung.

Der Bergbau lässt mich nicht los, auch nicht im Ruhestand.

Nach der Grubenfahrt auf dem Bergwerk Heinrich Robert um 1980 (nach einer Meßgeräte-Untersuchung). Foto: Eckehard Jahnke

So empfinde ich noch nach vielen Jahren, nachdem ich 1999 in den Vorruhestand gegangen bin, nachdem 2018 das letzte aktive Steinkohlenbergwerk Prosper „dicht gemacht“ wurde. „Die Bergmannssprache (10)“ weiterlesen

Jugend-Kulturveranstaltung „Aus eigener Werkstatt“

Aus eigener Werkstatt  – Die erste Veranstaltung !

Lesung von Werner Schilkes Kurzgeschichten aus dem Heft „Made in Germany“

Plakat zur ersten Veranstaltung, mit Phantasielabel (Sammlung Schlesiger)

Wir möchten heute einmal einen Sprung zurück in die 1970er Jahre machen. Damals gab es bereits junge Künstler in Bodelschwingh, die sich kulturell entwickeln und ausprobieren wollten. Dieses geschah damals überwiegend innerhalb der KJG (Katholische Junge Gemeinde) an den KJG Jugendabenden in den Veranstaltungen mit dem Titel „ Aus eigener Werkstatt“.
Die KJG war eine kirchliche Jugendgruppe in der katholischen Kirchengemeinde Mariä Heimsuchung in Dortmund- Bodelschwingh, seit 1971 initiiert durch den damals neuen Pfarrer Paul Kulka und unter der Leitung des dann auch neuen Vikars Berthold Wagener auf- und ausgebaut in Kindergruppen- und Jugendarbeit.
Wir wollen das Thema „KJG“ in kommenden Artikeln immer mal wieder aufgreifen – einerseits mit Blick auf die Kindergruppenarbeit, die in den siebziger Jahren mit den dreiwöchigen Ferienlagern auf der holländischen Nordseeinsel Ameland ihren jährlichen Sommerhöhepunkt fand, andererseits mit Blick auf die Jugendveranstaltungen mit Diskussionsabenden, Discoabenden; Jugendmessen und „Kulturveranstaltungen“ wie „Aus eigener Werkstatt“ mit selbst- und handgemachten Texten und selbstgeschriebener und selbstinterpretierter Musik im Blues- und Folkstil.

„Jugend-Kulturveranstaltung „Aus eigener Werkstatt““ weiterlesen

Erinnerungen an das Kriegsende (20)

Anmerkung zum Wirken von Pfarrer August Stöcker in seiner Pfarrgemeinde.

Otto Schmidt schreibt dazu:

Aufgeschrieben aus den Erinnerungen meines Vaters, den Erinnerungen von Gemeindemitgliedern, der mündlichen Weitergabe von Pfarrer Paul Kulka, dem alte Leute ihr Wissen erzählt hatten.

Pfarrer August Stöcker hatte ein ablehnendes Verhältnis gegenüber dem Nationalsozialismus und seiner Ideologie. „Erinnerungen an das Kriegsende (20)“ weiterlesen

Der Jäger Louis (8)

in:

Heimatblätter für Castrop und Umgegend, Nr. 7, Juli 1924.

Von Rektor Schopohl Bodelschwingh

Der verstorbene Graf Karl von Bodelschwingh hatte einen Jäger. Louis von der Horst hieß er. Aber das wußten wohl nur der Graf und sein Rentmeister, allgemein bekannt war er nur als Jäger Louis oder der alte Louis. Seine Heimat lag am Niederrhein, und er sprach ein breites Plattdeutsch, so daß man ihn allgemein für einen Holländer hielt. Er war von kurz gedrungener Gestalt und hatte einen langen Vollbart. Sein ganzes Tun und Treiben drehte sich um Wald und Wild, um Hunde und Flinten. Wer nicht gut schießen konnte, der war bei ihm ein dummer Junge, auch wenn er von hohem Adel und Würdenträger war. „Der Jäger Louis (8)“ weiterlesen